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NeuLand!

Warum Innovation das Land braucht

Servus zusammen!

Achtung, jetzt wird es nahezu wissenschaftlich. Vor ein paar Jahren wurde ich von der Austria Presse Agentur (apa) gebeten, einen Beitrag rund um das Tema "Innovation & ländlicher Raum" zu verfassen. Eigentlich wurde ich von Markus Peschl und Thomas Fundneider empfohlen, die mit ihrer Agentur thelivingcore zu den Vorreitern in Europa zählen, wenn es um die Emergenz des Neuen geht. Die beiden kannten meine Initiative Mesnerhof-C von einer früheren Forschungsarbeit und so forderten sie mich auf, mal ein paar Grundlagen zu liefern, welche besonderen Beitrag "das Land" zum Innovationsprozess leisten kann. Der Sukkus aus untenstehendem Artikel: das Land bietet im Vergleich zur Stadt nicht unbedingt Bedingungen für mehr sondern - im Sinn von Nachhaltigkeit - für "bessere" Ideen". Gerne nehme ich den Diskurs unter gg@mesnerhof-c.at auf. 

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Das Land: Zeit-Raum für das bessere Neue

Wien (Gastkommentar in apa Science, 14.3.2014) - Von Georg Gasteiger

Du hast eine Idee? Gut! Aber bist Du damit schon am Land gewesen?

Schon immer wurde das Land für die Emergenz des Neuen genutzt. Wer in der Antike einen Blick in die Zukunft wagte, bestieg den Berg der Musen. Bahnbrechende Werke der Philosophie, Literatur, Kunst und Musik wurden an stillen Orten geschaffen. Stadtkreative treffen sich spontan zu barcamps auf der Alm. Investoren wählen für beschleunigte Geschäftsmodellentwicklung Räume in entschleunigter Abgeschiedenheit. Technologie-Ikonen pflanzen ihre Hauptquartiere im Schutz der Täler und Becken. Buchumschläge zum Thema "neue Arbeitswelten" zeigen grüne Wiesen, klare Bergseen, gleißende Strände - und sonst Nichts. Soweit einige Beobachtungen.

Aus der Forschung lassen sich über das Narrativ hinaus Befunde zum Land als Innovationsraum zusammentragen. Hansjörg Bullinger, vormals Fraunhofer-Präsident, pflegte in seinen Vorträgen eine entsprechende Studie einzustreuen. Derzufolge entstehen 70 % der neuen Ideen außerhalb der Unternehmensgrenzen, mit Abstand am meisten im "Kontext der Natur", z.B. beim Wandern. Überhaupt scheint kontemplatives und langes Gehen lukrativ. So konnte im Rahmen einer US-Studie kürzlich belegt werden, dass bereits nach einer viertägigen Rucksacktour Wanderer bei Kreativitätstests deutlich besser abschneiden. Offensichtlich lassen sich durch das leichte Fortbewegen im Off die von Kreativpapst Mihály Csíkszentmihályi definierten Bedingungen des flows herstellen, also go & flow. Wer aufbricht und geht, kommt an.

Der Zustand des flows lässt sich auch in einer Bleibe verorten. Dazu der Systemforscher und Club of Rome Gründer Josef A. Rademacher: "Geht es um Kreativität, um Neues, um Ideen, dann wird man sich auch in Zukunft an geeignete Orte zurückziehen, die Ruhe und Inspiration miteinander verbinden...das richtige Raummaß, viel Licht, ein weiter Blick, ein vernünftiger Rhythmus". Er sagte dies in einem Konferenzband zur Orgatec, der weltweit größten Messe für neue Arbeitswelten. Tatsächlich rücken mit dem Schlüsselfaktor Innovation die Auswahl und Gestaltung von kreativitätsfördernden Arbeits- und Lernumgebungen in den Aufmerksamkeitsradar von Managemententscheidungen. Peschl und Fundneider sprechen in diesem Zusammenhang von "Enabling Spaces". Sie erforschen und erarbeiten Räume, welche die Fähigkeit zum Wandel bzw. zur Erneuerung unterstützen.

Aufgemerkt! Mitnichten würde ich mich zur Behauptung versteigen, das Land sei der bessere Raum für das Neue. Im Gegenteil, auf die Bipolarität zwischen Stadt und Land kommt es an. Der Reiz des einen macht den Reiz des anderen. So wie Effizienzstudien zur Wissensarbeit - je nach Aufgabe - den Wechsel von Arbeitsumgebungen empfehlen, braucht es auch für Kreatoren mal mehr Dichte & Speed, mal mehr Weite & Zeit.

Entscheidend ist auch nicht die Frage nach dem besseren Raum, sondern nach dem "besseren Neuen". Wenn wir das Schöne, Gute und Wahre meinen, bezeichnen wir es heutzutage als "nachhaltig". Es ist fast schon fad und trotzdem richtig: Innovationen sind kein Selbstzweck, sondern müssen sich in deren Wirkung die Frage gefallen lassen, ob sie in Jahrzehnten von unseren Enkelkindern auch noch für schön, gut und wahr empfunden werden. Prof. Leitner, Innovationsforscher beim AIT, referenziert auf den französischen Philosophen Jacques Ellul, der den Diskurs entlang von "76 reasonable questions to ask about any technology" fordert. Nach Ellul hat sich jede Innovation für die Beurteilung der Nachhaltigkeit einem ökologischen, sozialen, praktischen, moralischen, ethischen, handwerklichen, metaphysischen, politischen und ästhetischen Check zu unterziehen. Neben dem üblichen Erwartungsnutzen einer Bewertung führen uns die Fragen vor allem aber auch zum Pausieren und Nachdenken.

Reflexion, entzerrendes, "langsames Denken" nach Daniel Kahneman, braucht eben Zeit und damit verbunden geeignete Zeit-Räume. Darunter verstehe ich Räume, die wir erlernt und erfahren mit "Zeithaben" abgespeichert haben. Bar jeder physikalischen Gewissheit, wonach Zeit sich nicht vermehren lässt, sind wir überzeugt, im Urlaub mehr davon zu haben. An Urlaubsorten legitimieren wir Zeit für Anderes, Tieferes, Nichts(-tun) oder für uns selbst im Sinne von selfreflexive breaks.

Feriendestinationen sind in der Regel als green/blue spaces mit den Naturelementen Wald, Wiese, Berg, See oder Meer assoziiert - vereinfachend das "Land". Und jetzt kommt es: nicht nur, dass uns das Land solcherart den Mehr-Zeit Effekt suggeriert, stimuliert es in direkter Weise zu nachhaltigem Denken und Handeln. Auf Basis mehrerer US-Studien, wonach allein schon Bilder von Naturlandschaften unser Umweltbewußtsein steigern, förderte unlängst eine niederländische Forschergruppe rund um Prof. van Vugt Erstaunliches zutage. Das Land macht uns weniger gierig. Wie das? Im Labor wurden zwei Probandengruppen mit Naturbildern konfrontiert, die Gegengruppen jeweils mit Stadtszenen. Hernach war die Entscheidung zu treffen, € 100 sofort zu nehmen oder einen höheren Betrag  in 3 Monaten. Im Ergebnis gaben sich Mitglieder der Naturgruppen signifikant mit späteren und niedrigeren Beträgen zufrieden als die Urbangruppen. Mit anderen Worten, verfügten jene unter dem Eindruck beschaulicher Landschaften über ein höheres Zukunftsvertrauen und forderten daher eine geringere Diskontierung. In einer abschließenden Feldstudie absolvierte eine dritte Gruppe für 5 Minuten einen Spaziergang im Wald mit dem Ergebnis, dass das fernere/geringere Angebot noch stärker angenommen wurde. Die Forscher schlussfolgern, dass der Mensch als biophile Gattung im Kontext von Naturlandschaften den Erwartungshorizont nach hinten verlegt. Wir werden geduldiger.

Der Gedanke kann zu Ende geführt werden: Am Land nehmen wir uns Zeit für Reflexion, am Land erstarkt in uns eine gattungsgeschichtlich vertrauensvolle Haltung in die Zukunft. Beides ist zur Auswahl oder Anpassung von besseren, nachhaltigen Ideen notwendig. Anders formuliert ist jedem Lieferanten des Neuen die Frage zu stellen: Bis Du damit schon am Land gewesen?

Wer bis hierher gefolgt ist, dem mag das Land noch zu unspezifisch dargestellt sein. Zu Recht ist die Frage nach dem gegenständlichen Rahmen zu stellen. Sich beliebig in die Wiese oder auf einen Berggipfel zu platzieren wird ja nicht die Lösung sein, ebenso wenig wie sich den überfrachteten Ablenkungsmaschinen der Wellnessindustrie auszusetzen (Es würde den Rahmen sprengen, daher nur kurz angemerkt: unsere Tourismusmodelle sind für die Bedürfnisse von IdeenarbeiterInnen kaum bis gar nicht aufgestellt. Und ja, es ist Arbeit und wir nennen es nicht nur so). Wohin also? Einen Hinweis mag die Beobachtung liefern, welche Räume die creative class in den Städten für Arbeit und Leben bevorzugt. Egal ob London, Manchester, Berlin, Barcelona oder Wien - es sind dies aufgelassene Tabak- und Werkzeugfabriken, Backstuben, Lagerstätten und Handelslofts. Wir sprechen also von Altem und Benutztem, etwas cooler von Vintage und Shabby Chic. Während in der Stadt das (leistbare) Angebot solcher Art langsam ausgeht, hält das Land eine Fülle an leerstehenden Altgebäuden mit Charakter bereit. Sie stehen gewissermaßen "in Plausibilität zur Nachhaltigkeit": in altehrwürdigen Gebäuden ist der Auftrag vorhergehender Generationen zu spüren, Werte für die Nachwelt zu erhalten. Und die Alten haben gewusst, wohin sie bauen. Einige Architekturen sind derart harmonisch in die Natur eingebettet, so dass sie uns ins Staunen - übrigens die Vorstufe zum Fragen - versetzen. Leute, es ist doch mehr als naheliegend: zu guten also nachhaltigen Innovationen befähigt, was uns vor Augen hält, wofür sich Nachhaltigkeit lohnt. Ein Beispiel dafür ist der 400 Jahre alte Mesnerhof-C, ein "Refugium für Neues" in den Tiroler Bergen (under construction).

Der Autor: Georg Gasteiger arbeitet in der Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws) und leitet dort die Abteilung für Kreativwirtschaft & Innovation. Ein Gutteil seiner privaten Zeit ist unter dem Motto "für Neues" der sukzessiven Sanierung und Entwicklung eines 400 Jahre alten Bauernhofensembles in Tirol gewidmet.